Warum „überschüssiger" Strom nicht für die CO₂-Wirtschaft reicht

Power-to-X fasziniert:
CO₂ ist kein Abfall, sondern Rohstoff. Grüner Wasserstoff + abgeschiedenes CO₂ = synthetisches Methan, Ethylen, e-Fuels. Die Chemie stimmt. Aber schauen wir auf die Zahlen.
 
Das Ausmaß des Energie-Bedarfs ist enorm:
Um die ~150 Mio. t CO₂ der deutschen Industrie vollständig zu synthetischem Methan zu verarbeiten (ein unrealistische, übertriebene Annahme, aber nur mal so), bräuchten wir ~27 Mio. t grünen Wasserstoff/Jahr. Das entspricht ca. 1.300 TWh Strom für die Elektrolyse – mehr als das Doppelte des gesamten deutschen Stromverbrauchs. Installierte Elektrolyseleistung nötig: ~325 GW. Ziel der Bundesregierung für 2030: 10 GW. (tatsächlich installiert: <0,5 GW).
 
Das Märchen vom „Gratis-Strom" durch Überschüsse:
In Deutschland werden jährlich ca. 10–19 TWh Strom abgeregelt. Das klingt viel – deckt aber gerade einmal ~1 % des oben errechneten Power-to-X-Bedarfs. Und viel wichtiger: Elektrolyseure brauchen 4.000–6.000 Volllaststunden, um wirtschaftlich zu sein. Mit sporadisch zur Verfügung stehendem Überschussstrom ist das nicht erreichbar.
 
Reduziert dieses Vorgehen den Ausstoß von CO₂?
CO₂ aus dem Hochofen oder Kraftwerk, das zu Plastik oder Methan wird und später verbrannt wird, landet dennoch in der Atmosphäre. Nur Direct Air Capture (DAC; Promillbereich CO₂ in der Luft) schließt den Kreislauf wirklich – erhöht aber die Energiehürde nochmals erheblich.
 
Deutschland wird ein Energieimportland bleiben müssen. Programme wie H2Global zeigen den Weg: Ab 2027 werden erste Mengen grünen Ammoniaks aus den VAE importiert – zu Preisen unter 4,50 €/kg Wasserstoff. Länder mit enormem Renewables-Potenzial wie Namibia, Chile oder Marokko werden zu strategischen Lieferpartnern.
 
Abgeregelter Strom ist ein wertvoller Kickstarter – kein Fundament für eine industrielle Dekarbonisierung. Dafür brauchen wir massiv mehr Offshore-Wind und internationale Wasserstoffpartnerschaften.
 
Power-to-X ist kein Wunschdenken und wird schon betrieben – aber der Maßstab, der für Wirtschaftlichkeit nötig ist, zwingt zu nüchterner Priorisierung. Wer die Nutzung des abgeregelten Stroms für die Herstellung von Power-to-X anpreist , unterschätzt den thermodynamischen und ökonomischen Berg, der davor liegt. Nicht das Prinzip an sich ist wackelig, sondern der Versuch, die Abregelungsverluste auf diese Weise auszugleichen. Es gibt bessere Wege - zum Beispiel das Einspeichern in Redox-Flow-Batterien. Dezentraler und unabhängig von CO2-reichen Quellen.