Energieübertragung aus Marokko – eine grobe Abschätzung
Technologische, ökonomische und ökologische Aspekte des 4.800 km HGÜ-Projekts Marokko-Deutschland
1. Worum geht es und was ist zu berücksichtigen?
Die globale Energiewende erfordert es, volatile erneuerbare Energien aus Gunstlagen wie Nordafrika oder Chile (hohe Sonneneinstrahlung, konstante Windverhätnisse) in die industriellen Zentren von z.B. Mitteleuropa zu transferieren. Das in der frühen Projektierungsphase stehende Projekt „Sila Atlantik“, das die Verlegung eines 4.800 km langen Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs-Systems (HGÜ) zwischen Marokko und Deutschland vorsieht, markiert mit seiner enormen Länge einen neuen Extrempunkt der Energietechnik. Doch muß man die Vorteile für Deutschland in Vergleich setzen zum globale Nutzen: Während das Projekt eine technologische Meisterleistung darstellt und die deutsche Versorgungssicherheit stärkt, birgt es ohne strikte Einhaltung internationaler Zusätzlichkeitsregeln das Risiko, die marokkanische Energiewende zu verlangsamen und damit die globale CO2-Bilanz zu neutralisieren.
2. Technologische Machbarkeit und physikalische Limitationen
Die Überbrückung einer Distanz von 4.800 km über den Seeweg stellt Anforderungen an die Leitungstechnik, die mit herkömmlichem Wechselstrom (AC) aufgrund der kapazitiven Blindleistung im Seekabel nicht zu bewältigen wären. Die HGÜ-Technologie ist hier alternativlos.
In der physikalischen Betrachtung erweist sich das System trotz der enormen Distanz als überraschend effizient. Moderne HGÜ-Leitungen mit einer Spannungsebene von ± 525 kV weisen lediglich Übertragungsverluste von etwa 3 % pro 1.000 Kilometer auf. Addiert man die notwendigen Verluste der Konverterstationen an den Einspeise- und Entnahmepunkten (HGÜ Leitungen sind derzeit Punkt-zu-Punkt Verbindungen), die jeweils bei etwa 0,85 % liegen, ergibt sich ein kumulierter Gesamtverlust von circa 16,1 %. Da der Energieertrag pro Quadratmeter Photovoltaikfläche in der marokkanischen Wüste den Ertrag in Deutschland (die Zahlen basierend auf Solarstrom aus Spanien fielen deutlich besser aus) um den Faktor 2 bis 2,5 übersteigt, bleibt die Netto-Energiebilanz auch nach Abzug der Transportverluste deutlich positiv.
3. Ökonomische Analyse der 40-Milliarden-Euro-Investition
Die geschätzten Gesamtkosten des Projekts belaufen sich im Februar 2026 auf etwa 30 bis 40 Milliarden Euro. Diese Summe umfasst nicht nur das eigentliche Seekabel, sondern das gesamte Erzeugungs- und Speichersystem. Um eine konstante Einspeisung von rund 26 Terawattstunden (TWh) pro Jahr zu garantieren – was etwa 5 % des deutschen Strombedarfs entspricht –, müssen in Marokko 15 Gigawatt (GW) an Solar- und Windkapazitäten neu errichtet werden.
Die Kostenverteilung zeigt, dass das Übertragungssystem selbst (Kabel und Konverter) mit rund 18 bis 20 Milliarden Euro den größten Einzelposten darstellt. Weitere 12 bis 15 Milliarden Euro entfallen auf die Erzeugungsanlagen, während etwa 5 Milliarden Euro in massive Batteriespeichersysteme investiert werden müssen. Letztere sind notwendig, um die physikalische Erzeugung an die vertraglich vereinbarte Liefercharakteristik anzupassen und die strengen EU-Vorgaben zur zeitlichen Korrelation von Erzeugung und Verbrauch zu erfüllen.
4. Die regulatorische Hürde: RFNBO und die „Zusätzlichkeit“
Ein kritischer Punkt der These ist die regulatorische Einordnung nach den europäischen Renewable Fuels of Non-Biological Origin (RFNBO) Kriterien. Diese verlangen, dass exportierter Grünstrom aus Anlagen stammt, die „zusätzlich“ zum nationalen Ausbauplan des Exportlandes errichtet wurden.
Marokko deckt seinen Eigenbedarf derzeit noch zu etwa 70 % aus fossilen Quellen, vornehmlich Kohle und Gas. Würde das Projekt Sila Atlantik bestehende grüne Kapazitäten nutzen, müsste Marokko die entstehende Lücke in seiner nationalen Versorgung durch eine erhöhte fossile Produktion schließen. Die „Additionality“-Regel schreibt daher vor, dass die für den Export bestimmten Anlagen maximal 36 Monate vor dem Netzanschluss des Kabels in Betrieb gehen dürfen. Erst diese strikte Trennung stellt sicher, dass der nach Deutschland fließende Strom nicht zulasten der marokkanischen Dekarbonisierung geht.
5. Ökologische Effizienz: CO2 Vermeidungskosten im Vergleich
Die Untersuchung der CO2-Vermeidungskosten pro investiertem Euro deckt eine strategische Ineffizienz auf. Im Szenario des Exports nach Deutschland liegen die Vermeidungskosten bei etwa 190 Euro pro Tonne CO2. Dies resultiert aus der hohen Investitionssumme für das Kabel und dem Umstand, dass in Deutschland ein Strommix ersetzt wird, der bereits zu einem erheblichen Teil dekarbonisiert ist.
Würde man die identische Summe von 40 Milliarden Euro jedoch direkt in den Umbau des marokkanischen Stromnetzes investieren, könnten dort veraltete Kohlekraftwerke großflächig ersetzt werden. Da Kohle einen deutlich höheren CO2-Fußabdruck pro Kilowattstunde aufweist als der deutsche Mix, lägen die Vermeidungskosten in diesem lokalen Szenario bei lediglich etwa 40 Euro pro Tonne CO2. Global betrachtet bewirkt jeder Euro, der in die lokale Energiewende Marokkos fließt, einen etwa fünfmal höheren Klimaschutzbeitrag als der Euro, der in die transkontinentale Übertragung investiert wird.
6. Macht es Sinn?
Das Projekt Sila Atlantik ist primär als nationales Infrastrukturprojekt zur Diversifizierung der deutschen Energieimporte und zur Sicherung der Grundlastfähigkeit erneuerbarer Energien zu bewerten. Technisch ist die Überwindung der 4.800 km durch HGÜ-Technologie darstellbar.
Die ökologische Sinnhaftigkeit ist allerdings nur dann gegeben, wenn das Projekt mit der politischen und finanziellen Unterstützung der marokkanischen Eigen-Energiewende verknüpft wird. Nur wenn das Kapital für das Exportprojekt nicht die lokalen Ressourcen für den Kohleausstieg in Marokko verdrängt, kann das Vorhaben als Erfolg für den globalen Klimaschutz gewertet werden. Die „Sila Atlantik“-Trasse muss somit als komplementäres Element einer umfassenden Energiepartnerschaft fungieren, die über den reinen Stromimport hinausgeht.
Keinen Sinn macht es, wenn Deutschland sich mit dem Strom aus Marokko "grün" rechnet, Marokko jedoch weiter seine Kohlekraftwerke betreibt.
Literatur- und Quellenhinweise:
- Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK): Pressemitteilung zur Unterstützung von Sila Atlantik, Feb. 2026.
- https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/energie-strom-aus-der-wueste-reiche-ministerium-unterstuetzt-sila-atlantik/100197869.html
- EU-Kommission: Delegierte Verordnung (EU) 2023/1184 zur Ergänzung der Richtlinie (EU) 2018/2001 (RFNBO).
- International Energy Agency (IEA): Global HVDC Outlook 2026.
- Sila Atlantik GmbH: Projekt-Whitepaper zur technischen Auslegung der 525-kV-HGÜ-Seekabel.
- World Bank Energy Sector Management Assistance Program (ESMAP): Morocco Energy Mix Study 2025.
© Gerald Friederici 02.2026