Redox-Flow-Batterien im industriellen Durchbruch: Status 2026
Redox-Flow Batterien werden erwachsen - getrieben durch den Bedarf an Langzeitspeichern und Großaufträge wie die 5-GWh-Vereinbarung zwischen CMBlu und Uniper. Im Vergleich zur LFP-Technologie erweisen sich RFB-Systeme zwar in der Anschaffung als teurer, übertreffen diese jedoch bei der wirtschaftlichen Langzeitnutzung (LCOS) und der ökologischen Nachhaltigkeit deutlich.
Obwohl die Redox-Flow-Technologie (RFB) jahrelang im Schatten der günstigen Lithium-Ionen-Akkus stand, hat sich das Blatt seit ein, zwei Jahren gewendet. Mit der stetigen Skalierung der Erneuerbaren Energien und dem Bedarf an Langzeitspeichern, dem sogenannten Long Duration Energy Storage (LDES), rücken RFB-Systeme, die problemlos bis in den GWh-Bereich skalieren, ins Zentrum der globalen Energiestrategie. Die CMBlu Energy AG aus Alzenau hat sich dabei laut eigenen Aussagen als globaler Vorreiter für nicht-lithiumbasierte Speicher etabliert. Ein Meilenstein dieser Entwicklung ist die Anfang 2026 geschlossene Rahmenvereinbarung mit dem Energiekonzern Uniper, nach der bis zu 5 GWh der "Organic-SolidFlow"-Kapazität in den kommenden Jahren geliefert werden sollen – ein Volumen, das die Technologie endgültig aus der Nische der Pilotprojekte hebt.
Auch regionaler Pioniergeist prägt die Branche, wie das Burgenland-Projekt zeigt. Am Standort Eisenstadt in Österreich schreitet die Kooperation mit der Burgenland Energie voran. Das Ziel, das Burgenland bis 2030 bilanziell klimaneutral und energieunabhängig zu machen, basiert maßgeblich auf CMBlu-Speichern. Anstatt auf kritische Import-Rohstoffe wie Lithium oder Kobalt zu setzen, nutzt man hier lokale Speicherlösungen, die ohne Konfliktrohstoffe auskommen und nahezu vollständig recycelbar sind. Die technologische Basis bildet dabei die Organic-SolidFlow-Batterie. Im Gegensatz zu herkömmlichen Batterien setzen diese Systeme auf organische Kohlenstoffverbindungen, die oft aus Lignin, einem Nebenprodukt der Zellstoffindustrie, gewonnen werden. Die Vorteile sind vielfältig: Eine hohe Sicherheit ist garantiert, da die wasserbasierten Elektrolyte nicht brennbar sind und somit den Betrieb in sensiblen Umgebungen oder Wohngebieten ermöglichen. Zudem wird eine maximale Lebensdauer erreicht, da diese Speicher mit über 20.000 Zyklen die typische Laufzeit von Wind- und Solarparks von 25 Jahren problemlos überdauern. Ein wesentlicher physikalischer Vorteil ist die entkoppelte Skalierbarkeit. Während bei Lithium-Akkus für mehr Kapazität immer auch mehr teure Batteriezellen nötig sind, können bei RFB-Systemen einfach die Elektrolyttanks vergrößert werden.
Im globalen Wettbewerb treiben neben CMBlu auch Unternehmen wie Invinity Energy Systems und ESS Tech den Markt voran. Invinity konnte Anfang 2026 Großaufträge in der EU, unter anderem 20 MWh in Ungarn, sichern und betreibt gemeinsam mit Siemens Gamesa im hybriden Wind- und Solarpark La Plana in Spanien eine 1,2 MWh-Pilotanlage, die bereits seit 2025 wertvolle Daten zur Netzstabilisierung im Praxiseinsatz liefert.
Im Jahr 2026 stellt sich die Frage nach der Wirtschaftlichkeit im Vergleich zur Lithium-Eisenphosphat-Technik (LFP) differenzierter dar als noch vor fünf Jahren. Während LFP-Batterien bei den Anschaffungskosten, dem sogenannten CAPEX, mit etwa 100 bis 150 Dollar pro Kilowattstunde gegenüber den 200 bis 400 Dollar bei Redox-Flow-Systemen führen, punkten Letztere massiv bei den langfristigen Betriebskosten. Die Berechnung der Gesamtkosten pro gespeicherter Kilowattstunde (LCOS) ergibt für Redox-Flow-Systeme Werte zwischen 11 und 17 Cent, während LFP-Systeme bei 18 bis 25 Cent liegen. Ein Grund hierfür ist die Entladedauer: LFP ist ideal für kurze Zyklen von einer bis vier Stunden, während RFB ihre Stärken bei Langzeitspeicherung von über sechs bis zwölf Stunden ausspielen. Zudem ist die Degradation bei LFP-Akkus bereits nach 10 bis 12 Jahren spürbar, wohingegen RFB über 25 Jahre nahezu verschleißfrei arbeiten. Auch beim Recycling bietet die Redox-Flow-Technik Vorteile, da der Elektrolyt einfach wiederaufbereitet werden kann, während das Recycling von Lithium-Zellen aufwendig und teuer bleibt.
Als Fazit lässt sich festhalten: Für Kurzzeitspeicher und die Elektromobilität bleibt die LFP-Technik ungeschlagen. Doch für das Stromnetz der Zukunft, das Energie über zehn Stunden oder länger puffern muss, bietet die Redox-Flow-Technik im Jahr 2026 die stabilere und ökologisch nachhaltigere Rendite. Der LCOS zeigt deutlich, dass über die gesamte Lebensdauer gerechnet der Strom aus dem Tank oft bereits günstiger ist als der aus der Lithium-Zelle - und die Technik ist not lange nicht zu Ende entwickelt. Allerdings bleibt auch mit der RFB die Problematik, ausreichend Energie zu speichern, um die nur seltenen, aber wahrscheinlichen Dunkel-Flauten abzupuffern: Redox-Flow-Batterien liegen zwischen LIB und einer (kostengünstigen, zuverlässigen, das Netz stabilisierenden und für Betreiber gewinnbringenden) Technik, die noch entwickelt werden muß.
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Forschungseinrichtungen, die sich intensiv mit der Entwicklung alternativer Batteriesysteme und der Redox-Flow-Technik beschäftigen:
1. Fraunhofer-Gesellschaft (FhG)
Die Fraunhofer-Institute gelten als die treibende Kraft bei der Überführung der RFB-Technologie in die industrielle Anwendung.
- Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie (ICT), Pfinztal: Es beherbergt eine der weltweit größten Testplattformen für Flow-Batterien. Im Jahr 2025 startete hier der Forschungsbetrieb einer 2-MW-Großbatterie (20 MWh), die direkt in das lokale Wind- und Stromnetz eingebunden ist. Ein Team unter Dr. Jens Noack arbeitet intensiv an der Optimierung von Vanadium-Systemen und der Entwicklung neuer Elektrolyt-Formulierungen. Link zur Forschungsübersicht Redox-Flow-Batterien, Projektseite "MultiFlow" (Automatisierte Produktion)
- Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (UMSICHT), Oberhausen: Hier liegt der Fokus auf der Entwicklung kostengünstiger Bipolarplatten und Stapeldesigns (Stacks), um die Herstellkosten für den Massenmarkt zu senken. Forschungsbereich Elektrochemische Energiespeicher
2. Forschungszentrum Jülich (FZJ)
Das FZJ konzentriert sich vor allem auf die chemischen Grundlagen und neue Materialklassen.
- Helmholtz-Institut Münster (HI MS): Diese Einrichtung des FZJ forscht intensiv an all-organischen Redox-Flow-Batterien sowie an zinkbasierten Systemen. Ziel ist es, kritische Metalle wie Vanadium durch ökologisch unbedenkliche und kostengünstige organische Moleküle oder Zink zu ersetzen. Interview/Bericht: Redox-Flow als Schlüssel der Energiewende, Übersicht Batterieforschung am FZJ
3. Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Das KIT verbindet Materialforschung mit intelligentem Systemmanagement.
- Institut für Angewandte Materialien (IAM): Hier werden Degradationsprozesse an Membranen untersucht, um die Lebensdauer der Zellen zu verlängern. Forschungsseite IAM-ET
- Energy Smart Home Lab: In diesem Reallabor wird die Einbindung von RFB-Speichern in intelligente Haus- und Quartiersnetze getestet. Ein innovativer Ansatz am KIT ist zudem die Nutzung der Elektrolyttanks als kombinierte Strom- und Wärmespeicher. Projektbericht Intelligentes Management für Redox-Flow
4. Universitäre Spitzenforschung
- TU Clausthal (ICVT): Das Institut für Chemische und Elektrochemische Verfahrenstechnik gilt als Pionier bei der Simulation und dem Design von Flow-Zellen. Aktuell werden dort auch neuartige Redox-Flow-Luft-Batterien erforscht, die eine extrem hohe Energiedichte für die saisonale Speicherung versprechen. Projekt: Entwicklung Redox-Flow-Luft-Batterie, Projekt: Konzipierung High Power Redox Flow Stacks
- Friedrich-Schiller-Universität Jena: In Kooperation mit dem Zentrum für Energie und Umweltchemie (CEEC) wurde hier der Grundstein für die kommerzielle Nutzung organischer Polymere in Flow-Batterien gelegt (die technologische Basis für Unternehmen wie CMBlu). Forschungsübersicht CEEC Jena
5. Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung (ZSW)
Das ZSW in Baden-Württemberg arbeitet an alternativem Batteriedesign und der Kombination von Redox-Elektroden mit Wasserstoff-Technologien, um hybride Speicherkonzepte zu realisieren. Übersicht alternativer Speichertechnologien (u.a. RFB)
© Gerald Friederici, 03/2026