Nachhaltige Wärmewende und Lithium für Energiespeicher aus Deutschland
Vom akademischen Konzept am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) bis hin zum industriellen Leuchtturmprojekt in Landau hat das Projekt „Lionheart“ von Vulcan Energy eine rasante Entwicklung vollzogen, die die europäische Rohstoffversorgung mit Lithium erheblich verändern könnte.
Die zugrunde liegenden Idee entstand aus der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass das geothermische Tiefenwasser des Oberrheingrabens eine der weltweit höchsten Lithiumkonzentrationen aufweist. Forscher des KIT entwickelten ab 2010 (Inbetriebnahme des Geothermiekraftwerks in Bruchsal) die Vision, diese wertvolle Ressource nicht nur energetisch zur Wärme- und Stromgewinnung (Tiefengeothermie) zu nutzen, sondern das Lithium direkt aus dem laufenden Betrieb der Geothermiekraftwerke zu extrahieren. Dieser Ansatz der Kraft-Wärme-Lithium-Kopplung erreichte einen technologischen Durchbruch, als es 2020 gelang, ein spezielles Verfahren zur Direkten Lithium-Extraktion (DLE) zu entwickelt und es zum Patent anzumelden. Diese Technik bildete die Grundlage für das Forschungprojekt „UnLimited“, bei dem KIT und Partner wie EnBW erstmals unter Realbedingungen zeigen konnten, dass das vom KIT entwickelte Verfahren funktioniert.
Zeitgleich zur Patentanmeldung sicherte sich Vulcan Energy die Explorationsrechte und es begann eine Phase der intensiven technischen Skalierung. Das Unternehmen verwendet die vom KIT entwickelte DLE-Methode, bei der das Thermalwasser durch ein Adsorptionsmittel geleitet wird, welches die Lithium-Ionen selektiv bindet, während das restliche Wasser nach getaner Kraft-Wärme-Arbeit wieder vollständig in den Untergrund zurückgeführt wird. Um die Machbarkeit unter realen Bedingungen zu beweisen, nahm Vulcan zunächst Pilotanlagen in Betrieb, die über tausende Betriebsstunden hinweg zeigten, dass eine hohe Reinheit des gewonnenen Lithiums bei gleichzeitiger Schonung der Umwelt möglich ist. Diese Phase war entscheidend, um das Vertrauen von Investoren und strategischen Partnern aus der Automobilindustrie zu gewinnen, die händeringend nach nachhaltigen, europäischen Quellen für Batterierohstoffe suchen.
Projekt Lionheart – der Schritt in die kommerzielle Fertigung
In Landau manifestiert sich derzeit eine wichtige Säule der europäischen Rohstoffstrategie. Mit dem Projekt Lionheart hat Vulcan Energy den Sprung von der Forschung in die industrielle Umsetzung vollzogen. Die folgenden Details skizzieren den Weg von der Standortwahl bis hin zur Milliardenfinanzierung, die dieses Vorhaben zum wichtigsten Pfeiler für ein autarkeres Batterie-Ökosystem in Deutschland macht.
Standortwahl und strategische Planung in Landau: Nach zahlreichen Messungen mittels Reflexionsseismik (mit großen Rüttlern induzierte Bodenerschütterungen) in der Südpfalz, der Kurpfalz und der Vorderpfalz fiel die Entscheidung auf Landau als zentralen Hub der ersten Projektphase. Ausschlaggebend war die Kombination aus einer bereits bestehenden geothermischen Infrastruktur und der günstigen geologischen Gegebenheiten. In Landau trifft eine außergewöhnlich hohe Lithiumkonzentration (ca. 181 mg/l) auf eine hohe Durchlässigkeit des Gesteins im Untergrund, was enorme Förderraten ermöglicht.
Ein entscheidender Standortvorteil war zudem die kommunale Akzeptanz: Der Landauer Stadtrat gab im Juni 2024 grünes Licht für den Bebauungsplan im Gewerbegebiet D12. Dort entsteht nun die integrierte G-LEP-Anlage (Geothermie- und Lithiumextraktionsanlage). Ein wesentlicher Teil der Strategie ist die energetische Synergie: Während das Lithium extrahiert wird, speist die Anlage gleichzeitig Wärme in das regionale Fernwärmenetz ein und erzeugt grundlastfähigen grünen Strom.
Finanzierung: Ein 2,2-Milliarden-Euro-Kraftakt
Die finanzielle Absicherung des Projekts gilt als historisch für den europäischen Bergbausektor. Ende 2025 hat Vulcan nun ein Gesamtfinanzierungspaket über 2,2 Milliarden Euro abgeschlossen und damit die Finanzierung der Projektentwicklung abgesichert. Bemerkenswert ist dabei die massive staatliche Rückendeckung:
- KfW-Rohstofffonds: Als erste Investition überhaupt beteiligte sich der neue Rohstofffonds des Bundes mit 150 Millionen Euro.
- Europäische Investitionsbank (EIB): Sie steuerte 250 Millionen Euro bei, da Lionheart als "strategisches EU-Projekt" unter dem Critical Raw Materials Act eingestuft wurde.
- Staatliche Förderungen: Bund und Länder (Rheinland-Pfalz und Hessen) unterstützen das Vorhaben mit weiteren rund 200 Millionen Euro.
- Industriepartner: Ein Konsortium um den Baukonzern Hochtief und Siemens Financial Services brachte über 130 Millionen Euro ein, während Vulcan selbst über Kapitalerhöhungen (rund 528 Mio. Euro) die Eigenkapitalbasis sicherte.
Technische Daten und industrielle Dimensionen
Die Anlage in Landau ist so konzipiert, dass sie die Sole von insgesamt sieben Bohrplätzen der Region verarbeitet. Der DLE-Prozess verbraucht dabei im Gegensatz zu herkömmlichen Verfahren kaum Fläche und hat einen minimalen Wasserfußabdruck.
- Produktionsziel: Jährlich sollen etwa 24.000 Tonnen Lithiumhydroxid-Monohydrat (LHM) produziert werden.
- Reichweite: Diese Menge reicht aus, um die Batterien von ca. 500.000 Elektrofahrzeugen pro Jahr zu bestücken.
- Energiebilanz: Neben dem Lithium liefert das Projekt jährlich ca. 560 GWh Wärme und 275 GWh Strom.
- Logistik: Das in Landau gewonnene Lithiumchlorid wird per Schiene oder Lkw zum „Central Lithium Plant“ (CLP; Konversionsanlage der Vulcan Projektgesellschaft 2 GmbH) im Industriepark Frankfurt-Höchst transportiert, um dort zum batteriefertigen Endprodukt Lithiumhydroxid-Monohydrat veredelt zu werden. Auch das ein Novum im europäischen Umfeld, denn die Aufbereitung zu "batteriefähigem" Rohstoff erfolgt zu einem sehr hohen Prozentsatz derzeit in China. Wenige Ausnahmen wie z.B. AMG Lithium in Bitterfeld-Wolfen demonstrieren, dass Europa sich unabhängiger aufstellen möchte.
Auswirkungen auf die Rohstoffversorgung
Für die europäische Automobilindustrie ist Lionheart ein Befreiungsschlag. Bisher ist Europa bei Lithium zu fast 100 % von Importen aus China, Chile und Australien abhängig. Große Automobilkonzerne wie Volkswagen, Stellantis und Renault haben sich bereits über langfristige Abnahmeverträge große Teile der künftigen Produktion gesichert – teilweise sind die Kapazitäten für die ersten zehn Jahre bereits ausverkauft. Durch die lokale Produktion in der Pfalz sinkt nicht nur das Risiko von Lieferkettenunterbrechungen, sondern auch der CO2-Rucksack der Batterien drastisch, da Vulcan den weltweit ersten „Zero Carbon Lithium“-Standard anstrebt.
Bedenken und befürchtete Folgen
Ein Projekt dieser Größenordnung, das tief in die Geologie des Oberrheingrabens eingreift, bewegt verständlicherweise die Gemüter. Die Diskussionen in Landau und Umgebung bewegen sich zwischen der Hoffnung auf eine grüne Industrierevolution und den Sorgen der Anwohner vor unkontrollierbaren physikalischen Prozessen im Untergrund.
Die größte Sorge in der Region ist untrennbar mit dem Begriff induzierte Seismizität – also durch Menschenhand ausgelöste Erdbeben – verbunden. Hintergrund sind die negativen Erfahrungen aus der Vergangenheit, insbesondere in Landau (2009, Insheim) und im benachbarten Staufen, wo unsachgemäße Bohrungen oder Druckveränderungen im Gestein zu Mikrobeben und Gebäudeschäden führten. Kritiker befürchten, dass die massive Ausweitung der Förderung für das Lionheart-Projekt den Druck im Reservoir so verändert, dass erneut Risse an Häusern entstehen oder gar schwere Erschütterungen ausgelöst werden.
Ein weiterer kritischer Punkt ist der Schutz des Grundwassers. Da die lithiumhaltige Sole aus Tiefen von bis zu 4.000 Metern gefördert wird, besteht die theoretische Gefahr, dass bei Leckagen in der Bohrlochverrohrung salzhaltiges Tiefenwasser in die oberflächennahen Trinkwasserschichten gelangt. Auch der Flächenverbrauch und die Lärmbelastung durch die notwendigen Bohrinseln und die spätere Extraktionsanlage im Gewerbegebiet wurden in Bürgerinitiativen intensiv diskutiert.
Bisher eingetretene Folgen: Monitoring und Realität
In der Praxis hat sich seit dem Start der Pilot- und Optimierungsanlagen ein differenziertes Bild ergeben. Bisher sind die katastrophalen Szenarien ausgeblieben, was vor allem auf ein völlig verändertes Sicherheitsregime zurückzuführen ist.
- Seismische Stabilität: Vulcan Energy setzt auf ein engmaschiges, öffentliches Monitoring. Während der bisherigen Testbetriebe und der neuen Bohrungen in der Region wurden keine spürbaren Erdbeben registriert, die über die natürliche Hintergrundaktivität hinausgingen. Das Unternehmen nutzt modernste 3D-Seismik, um Störungszonen im Gestein präzise zu umgehen und den Einpressdruck des Wassers unterhalb der kritischen Grenzwerte zu halten.
- Technologische Sicherheit: Die bisherigen Anlagen in Landau haben gezeigt, dass das geschlossene Kreislaufsystem funktioniert. Es gab keine gemeldeten Zwischenfälle mit Grundwasserverunreinigungen. Die technologische Reife der Direkten Lithium-Extraktion (DLE) wurde durch tausende Betriebsstunden untermauert, ohne dass es zu den befürchteten chemischen Unfällen kam.
- Wirtschaftliche Dynamik: Positiv bemerkbar macht sich bereits jetzt der Zuzug von Fachkräften und die Ansiedlung von Zulieferern. Landau hat sich als Zentrum der Geothermie-Expertise etabliert, was der Stadt nationale Aufmerksamkeit und Steuereinnahmen beschert. Gleichzeitig ist jedoch eine emotionale Spaltung in der Bevölkerung spürbar, die eine kontinuierliche und transparente Kommunikation seitens des Unternehmens erforderlich macht.
Die technischen Schutzmaßnahmen haben bisher gegriffen, jedoch bleiben die psychologischen Sorgen vor Spätfolgen ein ständiger Begleiter des Projekts. Das Vertrauen der Bürger wird sich erst langfristig festigen, wenn die Anlage über Jahre hinweg im Volllastbetrieb stabil und erschütterungsfrei läuft.
Die kommenden Schritte in Landau werden zeigen, wie die Skalierung der DLE-Technologie auf industrielles Niveau die Theorie des KIT endgültig in eine marktfähige Realität überführt und damit ein wichtiger Schritt in Richtung weniger Abhängigkeit der europäischen Batterieproduktion von Importen gegangen werden kann.
Über Vulcan (Selbstdarstellung)
Vulcan Energy Resources ist ein 2018 von Dr. Francis Wedin (australischer Geologe und Manager) und Dr. Horst Kreuter (deutscher Geothermie-Experte) gegründetes deutsch-australisches Unternehmen, das sich als weltweit erster Pionier für die klimaneutrale Produktion von Lithium und erneuerbarer Energie versteht. Durch das innovative Zero Carbon Lithium™-Verfahren nutzt die Firma die geothermische Kraft des Oberrheingrabens, um gleichzeitig batteriefähiges Lithiumhydroxid und grüne Fernwärme zu gewinnen. Wesentliche Anteile hält die Hochtief Lithium GmbH, die zu großen Teilen der intalienischen ACS gehört.
Das Unternehmen positioniert sich als strategischer Partner der europäischen Automobilindustrie, um deren Lieferketten unabhängig von umweltbelastenden Importen aus Übersee zu machen. Mit der größten Lithium-Ressource Europas im Rücken verbindet Vulcan wissenschaftliche Exzellenz mit industrieller Skalierung, um die Dekarbonisierung des Verkehrssektors voranzutreiben.
Ein zentraler Bestandteil der Firmenphilosophie ist die Integration in lokale Strukturen, wobei die Energieversorgung der Region Landau eine ebenso wichtige Rolle spielt wie die Rohstoffgewinnung. Durch langfristige Abnahmeverträge mit globalen Konzernen hat sich Vulcan bereits vor der vollen kommerziellen Umsetzung als unverzichtbarer Akteur der europäischen Rohstoffwende etabliert.
© Gerald Friederici 01/2026